INVESTIGATIVE REGIONALSPIEGELDOKUS AUS GEGENWART UND GESCHICHTE (wird laufend ergänzt) 033

Vorwort: Die Angst ist der größte Feind des Aufdeckers!

Nach Günther Wallraff

Das Internet-Tagebuch der Malala Yousafzai

ÜBERREGIONAL/INTERNATIONAL. Seit Januar 2009, als sie elf Jahre alt war, berichtete Yousafzai auf einer Webseite der BBC in einem Blog-Tagebuch unter dem Pseudonym Gul Makai über Gewalttaten der pakistanischen Taliban im Swat-Tal. Diese Terrororganisation hatte seit 2004 im Swat-Tal Einfluss gewonnen und 2007 damit begonnen, Schulen für Mädchen zu zerstören und gegnerische Pakistaner zu ermorden. Sie verboten Mädchen den Schulbesuch, das Hören von Musik, das Tanzen und das unverschleierte Betreten öffentlicher Räume.

 

Im Dezember 2008 kam ein Reporter der BBC auf die Idee, eine betroffene Schülerin berichten zu lassen, und sprach den Leiter einer Privatschule an, der schließlich seine Tochter Malala vorschlug. Ihr Blog wurde schnell in Pakistan bekannt und schließlich ins Englische übersetzt. Im Jahr 2011 wurde ihr Pseudonym aufgedeckt, als sie für den Internationalen Kinder-Friedenspreis nominiert wurde. Sie bekam den Preis damals nicht, worauf die Regierung Pakistans einen jährlichen Nationalen Friedenspreis der Jugend stiftete, der ihr verliehen und im Dezember 2011 nach ihr benannt wurde.

 

Attentat

 

Am 9. Oktober 2012 hielten einige Taliban ihren Schulbus auf der Heimfahrt an und fragten nach Yousafzai. Ein Taliban schoss aus nächster Nähe auf sie. Dabei wurde sie durch Schüsse in Kopf und Hals schwer verletzt und musste in einem Militärkrankenhaus in Peschawar operiert werden. Anlass für den Anschlag war einem Bekennerschreiben der Taliban zufolge der Einsatz des Mädchens für die schulische Bildung der weiblichen Bevölkerung. Um die Täter mithilfe der Bevölkerung zu ergreifen, setzte die pakistanische Regierung eine Prämie von 10 Millionen Rupien (etwa 74.000 Euro) aus. Am 30. April 2015 wurden der Schütze und weitere neun der Mittäterschaft beschuldigte Personen in Pakistan zu lebenslanger Haft verurteilt, vier der Täter kamen wieder frei?!

 

 

Medizinische Behandlung

 

Drei Tage nach dem Attentat wurde Yousafzai aus der Provinzhauptstadt Peschawar nach Rawalpindi in der Metropolregion der Landeshauptstadt Islamabad verlegt, es bestand noch Lebensgefahr. Weitere drei Tage später wurde sie nach Großbritannien ausgeflogen und ins Queen Elizabeth Hospital in Birmingham verlegt, wo sonst verwundete britische Soldaten behandelt werden, in eine erst kurz zuvor eröffnete, auf Schusswaffenverletzungen und Kopfwunden spezialisierte Abteilung.

 

Wegen eines Luftröhrenschnitts konnte Malala Yousafzai sich zunächst nur schriftlich mit dem Krankenhauspersonal verständigen. Das Projektil, das sie beim Anschlag verletzt hatte, war oberhalb ihres linken Auges eingedrungen und hatte Teile des Schläfenbeins sowie des Oberkiefers im Bereich der Unterschläfenfläche und des Oberkieferhockers sowie Teile des Unterkiefers im Bereich der schrägen Linie zerstört, wie ein Krankenhaussprecher erklärte. Das (bereits in Pakistan entfernte) Geschoss war im Bereich der sogenannten „Masseter-Rauigkeit“ ausgetreten und anschließend in der linken Schulter über dem Schulterblatt wieder eingetreten. Anfang Januar 2013 verließ Yousafzai das Krankenhaus vorerst, um sich aber in den folgenden Wochen noch Operationen zur plastischen Rekonstruktion des Schädels und des Gesichts zu unterziehen, bei denen auch der fürs Gehör erforderliche Teil des Gesichtsnervs wiederhergestellt wurde.

 

Weiteres Engagement

 

Nachdem sie längere Zeit zum Teil ohne ihre Familie in England verbracht hatte, zog diese 2013 für mindestens drei Jahre gleichfalls nach Großbritannien. Ihr Vater wurde als Attaché für Bildung zum pakistanischen Konsulat nach Birmingham entsandt.

 

Der ehemalige britische Premierminister Gordon Brown, inzwischen UN-Sonderbeauftragter für globale Bildung, initiierte eine Petition in Yousafzais Namen „zur Unterstützung dessen, wofür Malala gekämpft hat“.  Im Dezember 2012 wurde in Zusammenarbeit mit der UNESCO der Malala-Fonds gegründet, um weltweit das Recht von Kindern auf Bildung durchzusetzen. Verschiedene Initiativen forderten, Yousafzai für den Friedensnobelpreis zu nominieren. Das Magazin Time kürte sie nach Barack Obama zur zweitwichtigsten Person des Jahres 2012. Die Nutzer von euronews wählten sie zum „Menschen des Jahres 2012“.  CNN-Nutzer wählten sie hinter Obama zur „faszinierendsten Persönlichkeit des Jahres“ 2012.

 

Am 7. Februar 2013 konnte Yousafzai das Krankenhaus in Birmingham verlassen. Am 8. Februar wurde bekannt, dass sie offiziell für den Friedensnobelpreis in Oslo nominiert worden war. Vom 20. März an besuchte sie die Edgbaston High School für Mädchen in Birmingham. Sie gab ihrem Wunsch Ausdruck, dass alle Mädchen auf der Welt die Möglichkeit zum Schulbesuch haben sollten. Sie erhielt einen Vertrag über ihre Biografie beim britischen Verlag Weidenfeld & Nicolson in Höhe von zwei Millionen Pfund (rund 2,3 Millionen Euro).

 

Am 12. Juli 2013, ihrem 16. Geburtstag, sprach sie vor der Jugendversammlung der UNO. Es war ihre erste öffentliche Rede seit dem Attentat.  Sie überreichte dem anwesenden UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon die Petition für die Bildung aller Kinder mit vier Millionen Unterschriften. Die UNO will dieses Ziel bis Ende 2015 erreichen. Er kündigte an, dass die UNO den 10. November als „Malala Day“ feiern wird.

 

Am 3. September 2013 weihte Yousafzai die neue Library of Birmingham ein. Am 10. Oktober wurde ihr der Sacharow-Preis des Europaparlaments zugesprochen.

 

 

Malala während eines Treffens mit US-Präsident Barack Obama, Michelle Obama und deren Tochter Malia im Oval Office am 11. Oktober 2013

 

Im Oktober 2013 bereiste sie die USA zur Veröffentlichung ihrer Biografie und Werbung für den Malalafonds. Am 11. Oktober war sie Gast bei US-Präsident Barack Obama und seiner Familie im Weißen Haus. Bei dieser Gelegenheit dankte sie ihm einerseits für die Hilfe der USA für Pakistan und die Bildung von Mädchen, kritisierte andererseits aber Obamas Fortführung des Drohnenkrieges: „Ich habe auch meine Besorgnis ausgedrückt, dass Drohnenangriffe Terrorismus fördern. Durch diese Taten werden unschuldige Opfer getötet, und das führt zu Abscheu in der Bevölkerung Pakistans. Wenn wir unsere Bemühungen erneut auf Bildung fokussieren, wird das einen großen Einfluss haben.“

 

Die für Ende Januar 2014 in ihrem Heimatland Pakistan vorgesehene Vorstellung der Biographie Ich bin Malala wurde von den Behörden kurzfristig abgesagt. Als Grund wurden „Sicherheitsbedenken“ genannt.

 

Im Februar 2014 besuchte Yousafzai in Jordanien das Lager Zaatari für syrische Flüchtlinge und warnte angesichts der Zustände vor einer „verlorenen Generation“ syrischer Kinder.

 

Schließlich der Friedensnobelpreis - berechtigt für so viel Mut:

 

Yousafzai war 2013 die bisher jüngste Kandidatin für den Friedensnobelpreis. Im folgenden Jahr wurde ihr dieser gemeinsam mit dem Inder Kailash Satyarthi zuerkannt.

 

Quelle: wikipedia Österreich

Lokalspiegel-Dokus: Geschichte

Erfahrungen aus meiner Auslandsberichterstattung: Kennen Sie Herrn Gorbatschow? Heute würde gefragt werden, ich hoffe Sie kennen Erdogan nicht, oder...

Was halten Sie von Gorbatschow...?

Auch ich selbst (Beitrag unten) hatte bislang dreimal das zweifelhafte „Vergnügen russisch Roulette zu spielen zu dürfen“. Mein Verlangen nach Risiko fand jedoch in der Todeszone von Tschernobyl seinen Höhepunkt und ließ mich diese Art von Journalismus verlassen. Ich möchte diesen Beitrag für jene Kolleginnen und Kollegen schreiben, welche mit ihrem „Kick“ so manche Leserinnen und Leser unterhalten und vor allem informieren und ihrem Recht darauf Genüge tun.

 

Ausstieg verpasst, friendly fire oder präsidentielle Vertuschung?

 

Sehr bestürzt war ich in der sehr spannend aufbereiteten TV-Sendung über das Schicksal jener Kolleginnen und Kollegen, die den Ausstieg verpasst haben oder hatten. Da ist einmal der Berufsweg der Kollegin Evelyne V.* (Namen sind bekannt, jedoch aus verständlichen Gründen geändert). Obwohl sie schon jenseits der 50 ist fährt sie immer noch jedes Jahr eine bestimmte Zeit nach Afghanistan, bestens bekannt mit den Taliban und kolportiert noch so manchen Beitrag in den Medien. Was dabei auffällt, ist eine gewisse Art von Dialektik, denn auch der einen Seite steht das Interesse der Publikation, auf der anderen Wut und Enttäuschung, wenn die Beiträge dann doch nicht so ausfallen, wie gewünscht. Ein erster Schritt in die Lebensgefahr einer solchen Arbeit. Ein anderer deutscher Kollege Herbert G.* bezahlte mit seinem Leben im Irak-Krieg, die Schilderung seiner Lebensgefährtin brachte es auf den Punkt: „Er hat mir immer wieder versprochen „heil“ herauszukommen und zu mir zurückzukehren bis zu jenem „Schicksalstag“, wo er mich via Satellit angerufen hat, dass alles vorbei sei und er in „Hotel-Sicherheit“ in Bagdad. Eine Stunde später starb er im „friendly fire“ der US-Truppen, die haargenau dieses Hotel ins Visier genommen hatten. Man sah es überhaupt nicht gerne, wenn über die irakische Seite berichtet wurde, was das Hotel wirklich nur ein Zufall, wo man doch wusste, dass es das Aufenthaltsquartier der Journalisten war? „Der Krieg war bereits beendet und er ist am Telefon so lebensfroh und glücklich gewesen, ich weiß noch genau, dass ich nicht einmal mehr weinen konnte, so hat mich dieser Schock getroffen. Verarbeitet habe ich dies alles bis heute nicht!“

 

Vom Berichterstatter zum Rebellen

 

Und da ging ein CNN-Bericht in Sendung, der über Charles F.* berichtete. "Vorerst war es die Neugier, die ihn nach Libyen als Berichterstatter reisen ließ. „Ich habe viele Freunde dort gefunden, sie waren wie du und ich, träumten von Freiheit und der „Peace Now“-Bewegung und dann ist sie gekommen, die Revolution gegen Gaddafi, ich war mittendrin, filmte und schrieb wie ein Verrückter und alles erschien mir als „Phobiker“ wie ein „schlechter Trip“, als der Wahnsinnige auf die eigenen Landsleute schießen ließ. Diese Erfahrung ließ mich vom „Afrikanischen-Frühling-Kriegsberichterstatter“ zum Rebellen werden und ich schloss mich meinen Freunden an. Plötzlich war ich es, über den berichtet wurde und der mit der Waffe in der Hand auf die Gegner schoss – wirklich ein schlechter Trip, der mich in einer lybischen Einzel-Gefängniszelle erwachen ließ, nachdem man mich zuvor bis zur Bewusstlosigkeit gefoltert hatte."

 

„Was halten Sie von Gorbatschow?“

 

Einschub Mairoll: „Man sieht die Gefahr nicht, erwartet sie nicht und treibt das Spiel so lange, bis auf einmal ein paar schwarz gekleidete Männer hinter einem her sind, man in einem Hotel die „unsichtbare Fußfessel“ bekommt und plötzlich das Land nicht mehr verlassen kann, weil vor wegen der Konterrevolution zu Weihnachten der Flugplatz in Moskau gesperrt wird. Ehrlich gesagt, ist es mir kalt über den Rücken gelaufen, als ich bei diesem Bericht nach Russland zurückdachte und in welcher Gefahr ich mich befand, die ich nicht einmal bemerkte, auch nicht auf die Frage: „Was halten sie von Gorbatschow?..."

 

Aber nun zurück nach Libyen: Charles* hatte – genauso wie ich in Russland – Glück: Das Gefängnis wurde zurückerobert und sehr abgeschreckt flog er nach Hause. Sein Verlangen nach dem „Kick“ hat ihn nicht losgelassen und er kehrte zurück nach Lybien und kämpfte weiter mit seinen Freunden. Sein Lohn: Der Sieg über Gaddafi und seine Freude, mit seinen Freunden feiern zu können.

 

Historischer Einschub: Gaddafi war der am längsten regierende Herrscher in Libyen und einer der am längsten herrschenden Machthaber außerhalb von Monarchien überhaupt, sodass etwa 80 Prozent der zum Zeitpunkt seines Todes lebenden Libyer unter seiner Herrschaft geboren wurden. Gaddafi sicherte seinen Machterhalt auch durch ein rentenökonomisches, auf den Exporterlösen von Erdöl und -gas beruhendes Verteilungssystem nach innen ab. Außerdem instrumentalisierte und politisierte er die Stämme, nach dem Prinzip: Teile und herrsche.

 

Im Februar 2011 kam es zu landesweiten Aufständen in Libyen; gegen Ende des Monats verlor Gaddafi die Kontrolle über weite Teile des libyschen Ostens an Rebellen. Im März begannen nach einer UN-Resolution die Vereinigten Staaten, Kanada und mehrere westeuropäische Staaten mit Luftangriffen auf Libyen mit dem Ziel, eine Flugverbotszone durchzusetzen (Internationaler Militäreinsatz in Libyen 2011). Seit dem 27. Juni 2011 wurde Gaddafi als mutmaßlicher Kriegsverbrecher und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit weltweit mit Haftbefehl gesucht. Seit dem 22. August 2011 galt er als abgesetzt und wurde von der neuen Regierung polizeilich gesucht. Am 20. Oktober 2011 wurde Gaddafi getötet. Die genauen Todesumstände sind nach unabhängigen Quellen weiterhin nicht aufgedeckt und bleiben zweifelhaft.

 

Das Leben von Charles* ist uns nicht bekannt, aber – so wie ich – auch schon ins Alter gekommen, wahrscheinlich gemütlicher.

 

Putin – der demokratische „Diktator-Kommunist“

 

Ein guter Schauspieler ist er schon dieser „Edelkommunist“. Er schafft es tatsächlich, der Welt eine Demokratie vorzugaukeln. Dass dem so ist, beweist die momentane „Pressefreiheit“. Dazu das Schicksal von Dimetri G.*. Nach einer nicht gar so freundlichen Berichterstattung über Putin (der seinen eigenen „gekauften Journalismus“ (sind für mich keine Kolleginnen und Kollegen) hat, wurde er von einem Schlägertrupp derartig zugerichtet, das er sich nur mehr mit Krücken vorwärtsbewegen kann und seither lieber schweigt, damit sein Leben „gesünder“ verläuft. Vielleicht so viel gesünder, wie der nach Norwegen ausgewanderte österreichische Kollege, der über den Kampf zwischen Israelis und Palästinensern berichtete. Heute ist er lieber „Raumpfleger“ (der einzige Job, den er dort auf die Schnelle fand), um mit seiner Frau ein ruhiges Leben zu führen und nicht mehr Gefahr zu laufen, dem „Kick“ zu unterliegen.

 

Zum Abschluss noch einige Statements: von Kolleginnen und Kollegen: „Was müssen sich die Leute gedacht haben, als sie mich mitten unter den „Revolutionskapern“ der Flugzeuge gesehen haben. Sie saßen in ihren Sitzen – vielleicht den Tod erwartend und ich berichtete objektiv und rannte da draußen mit meiner Kamera herum? Ein Gefühl zwischen Rechtserfüllung“ und Verrat.“

 

„Ich dachte nur an meine Phobie und nicht an meinen Aufenthaltsort und die Lebensgefahr. Wenn ich meine „Zuckerphobie“ unter Kontrolle bekomme, dann gehe ich auch hier lebend raus!“

 

„Es ist völlig unmöglich, so viel Geld zu verdienen, was man bei diesem Job riskiert. Deswegen sind Auslandsjournalisten auch so schlecht entlohnt!“

 

„Heute lebe ich eigentlich sehr fade, aber ich habe keine Todesangst mehr!“

 

"Als sich Laudas Flugzeug als eines der letzten in die Höhe hob, knallten die Sektkorken!“

 

      Alois-Felix Mairoll

In der damaligen UdSSR und dem heutigen Restrussland holt man sich den Strom einfach gratis von der Leitung! Der günstige Preis: An Strahlenkrebs erkrankte Kinder - echt kostengünstig!

In der Zone des Bösen...

Wir schreiben den 15. August 1992: In einem Braunauer Lokal lerne ich Genna Gordonovic kennen, welcher sich mit einer Gruppe von schwer strahlenkrebserkrankten Kindern aus Tschernobyl im gleichen Lokal befindet.

Tschernobyl live als Auslandskorrespondent

Obwohl wir anfänglich Verständigungsschwierigkeiten haben, ist es dann doch durch einen Dolmetscher möglich, miteianander verbal zu kommunizieren. Die Leidensgeschichte der Kinder beschäftigt mich sehr schnell und ich beginne, die Hintergründe zu recherchieren. Wie sich im Laufe des Gespräches herausstellt, wird den kranken russischen Kindern,welchen die kurze, noch verbleibende Lebenszeit ins Gesicht geschrieben steht, ein Aufenthalt in Österreich durch Spenden ermöglicht. Weiters istdann auch zu erfahren, dass nur ein minimaler Prozentsatz erkrankter Kinder ein solcher Aufenthalt ermöglicht wird. Als wir uns verabschieden steht für mich fest: Ich werde alles in meiner Macht stehendende tun, um noch mehr geschädigten Kindern zu helfen. Die darauffolgenden Wochen und Monate sind ein ein einziges, bürokratisches Bollwerk, das ich als investigativer Journalist durchwandere. Die Bezirksverwaltungsbehörde Braunau am Inn droht die Spendenbewilligung grundlos zu entziehen, erst als ich androhe, die bereits von meinen Lesern gespendeten Geld- und Sachwerte vor der Behörde im Freien aufzustapeln, wird von einer Einstellung Abstand genommen. Zur finanziellen Seite ist zu sagen, dass ich selbst in dieser Zeit über sehr begrenzte Mittel verfüge und von Beginn an darauf angewiesen bin, die Story zu verkaufen, um das nötige „Kleingeld“ aufzutreiben. Auch bleiben mir wenig Freunde, welchen man wirklich trauen kann. Übrig bleibt eine kleine Gruppe, die Familie Paschon aus Braunau, zwei Freunde und der Druckereiunternehmer Ing. Gerhard Buchegger.

 

17. September 1992: Die Aufrufe durch meine Zeitung „Braunauer Lokalspiegel“ zeigen ihre erste Wirkung und das Spendenkonto klettert in die Höhe, sodass es sogar möglich ist, Morphium in Spritzenform zu beschaffen. Unglaublicherweise haben die Betroffenen 6 Jahre nach der Katastrophe nicht einmal Schmerzmittel, um das unsägliche Leid der Betroffenen zu lindern.

 

28. September 1992: Die Aktion „Licht ins Dunkel“ ermöglicht die Finanzierung zweier Lastwagenzüge, um die Spendenware in die Todeszone zu befördern. Einer der freiwilligen Fahrer verstirbt kurz nach Beendigung der Hilfsaktion an Strahlenkrebs.

 

15. Oktober 1992: Unser Begleitteam erreicht mit dem Korridorzug (ein Verlassen des Zugs ist unmöglich, genauso wie jede Kontaktaufnahme mit den Polen, welche im vorderen Wagon saßen) von Wien über Tschechien und Polen das russische Brest, wo die Schienenbreite ummontiert wird, da die russischen Schienenbreiten mit den westeuropäischen nicht übereinstimmen. Schließlich erreichen wir das Zielgebiet der Warnstufe 3, wo wir die Übergabe der Sachgüter überwachen, Letztlich werden wir in Slobin untergebracht, wo die VÖEST Linz ein Zweigwerk betreibt.

 

Anfang November 1992: Die Telefonleitung zum Sender „Inn-Salzach-Welle“ steht endlich, nachdem große technische Probleme beseitigt werden. Wir gehen live auf Sendung, dies auch mit Hilfe der VÖEST und der dort befindlichen Österreicher. Gleichzeitig beginnt eine Gegenrevolte zu Gorbatschow, welcher nach einem Interview unsererseits auf die Krim flüchtet. Uns werden Kamera, Fotoapparate und schriftliche Unterlagen entzogen. Die Rückfahrkarten nach Österreich Wien Franz- Joseph-Bahnhof werden uns weggenommen und wir sitzen in Weißrussland fest, nachdem wir als einer der ersten Journalisten direkt die Todeszone auf eigene Gefahr betreten haben.

 

13. Dezember 1992: Mehr mit Zwang als freiwillig, setzt man uns in einen VW-Bus, nachdem die Familie Paschon (Mutter und Sohn) freiwillig mit der Bahn die Heimreise antreten kann. Zu viert fahren wir über eine riesige Schneewüste (ähnlich dem Film Dr. Schiwago) mit zwei russischen Fahrern Richtung Moskau. Unerklärlich ist, wie diese Fahrer den Weg finden, denn außer ein paar Petroleumleuchten in den vereinzelten Hausern, ist es stockdunkle Nacht. Die Entfernung der Ortschaften beläuft sich in etwa auf die Strecke Linz – Wien. Die Heizung des Busses funktioniert nicht und so rücken wir näher zusammen, um uns zu wärmen. Sehr großzügig beleuchtet (was kostet denn schon der Strom, den bezahlen wir doch mit toten Kindern…) fahren wir vierspurig ins nächtliche Moskau ein. Dann allerdings beginnt der schlimmste Teil der unfreiwilligen Odysee: Wir kommen in einem Moskauer Hotel in Hausarrest, dürfen das Hotel nicht verlassen und im Haus selbst wird jeder unserer Schritte durch den Geheimdienst überwacht.

 

18. Dezember 1992: Tagtäglich fahren gepanzerte Fahrzeuge Richtung Flughafen, der ständig überwacht wird. Mehrmals wird unszugesichert, dass wir abfliegen können, doch jedes Mal werden wir wieder unter Hausarrest gestellt und zurückgefahren.

 

20. Dezember 1992: Wir können erstmalig telefonisch Kontakt mit unseren Angehörigen aufnehmen,indem die VÖEST endlich eine nicht boykottierte Leitung nach Österreich aufstellen kann. Hier muss ich bemerken, dass der einzige, welcher unsere Story glaubt mein Vater ist, auf dessen Spuren ich 50
Jahre später als er wandere.

 

Endlich frei...

 

23. Dezember 1992: Die Lauda-Air bekommt Flugerlaubnis, nachdem die politischen Kräfte der Gorbatschow-Seite wieder die Oberhand erlangen. Als sich der stählerne Vogel in die Lüfte hebt ertönt Jubelgeschrei in der Maschine, Sekt- und Champagnerkorken krachen. Endlich frei…

 

Was bislang nicht bekannt wurde: In der damaligen - kurz vor dem Zerfall stehenden UdSSR und dem heutigen Rest-Russland ging und geht die Gesellschaft folgendermaßen mit dem Strom um: Er wurde einfach von der Leitung geholt - ein sogenannter Gratis-Strom. Was hat dieser gekostet: Nur todkranke, an Strahlenkrebs erkrankte Kinder. Großzügig beleuchte Straßen und Plätze sollen der Welt zeigen: WIR SIND STROM-MILLIONÄRE, WAS KOSTET DIE WELT...

 

                                                                                           Alois-Felix Mairoll